Ötztaler Radmarathon 2006

Ritterschlag für Freizeitradsportler

Bericht von Günter Emrich

Wenn Radsportler vom „Ötzi“ reden, dann geht es nicht um den Steinzeitmann vom Simulaun, sondern um den unbestrittenen Höhepunkt der Radsaison, den Ötztaler Radmarathon mit Start und Ziel in Sölden/Ötztal. Dieser Klassiker unter den Volksradrennen für ambitionierte Freizeitsportler ist inzwischen zum Kult in der Rennradszene geworden, und das obwohl der „Ötztaler vom Schwierig-keitsgrad her zum anspruchvollsten zählt, was ein Radsportler im Alpenraum fahren kann. Den Ötztaler „gefinished“ zu haben, ist so etwas wie ein „Ritterschlag“ für einen Freizeitradsportler.
Fünf Freizeitsportler des RC Hattersheim haben sich 2006 - unter den 3908 Startern - dieser großen Herausforderung gestellt, und um es vorwegzunehmen, alle haben diesen schweren Radmarathon gefinished, d.h. sind innerhalb der Karenzzeit ins Ziel gekommen. Eine bemerkenswerte Leistung, denn wer in Sölden nach dieser schweren Runde das Ziel erreicht, ist an die Grenzen seiner körper-lichen Leistungsfähigkeit und Willenskraft gegangen. Es ist ein Sieg über sich selbst und über die Schwächen des eigenen Körpers, die ein Jeder am Schlussanstieg zum Timmelsjoch so schmerzhaft zu spüren bekommt.
Diese „Sieger“ sind in der Reihenfolge der Plazierung Adrian Drzyzga, Günter Emrich, Peter Drnec, Gerd Argast und Thomas Kern.


Die Kenndaten des Ötztalers:
228 km Streckenlänge
5500 Höhenmeter
Max. Steigung: Kühtai – Stopfach 18,2%
Max. Höhe: Timmelsjoch 2509 m
Niedrigster Punkt: Innsbruck 650 m
Anzahl der Kehren: 66
Längster Anstieg: St. Leonhard – Timmelsjoch 29km / 1742 Hm
Der Streckenverlauf:
Sölden – Ötz – Kühtai – Sellraintal – Kematen – Völs – Innsbruck – Wipptal – Brenner – Sterzing – Jaufenpass – St . Leonhard – Moos – Timmelsjoch – Sölden.

Zu früher Stunde Am Morgen des Ötztalers um 4:30 Uhr ist mein erster Blick aus dem Fenster auf den Asphalt unter der Strassenlaterne gerichtet. Die Feststellung war beruhigend: es ist trocken (noch) und 11°C warm. Die Wetteraussichten für den Tag sind jedoch nicht sehr berauschend.
Zunächst aber wird ausgiebig gefrühstückt, und soviel Kohlehydrate gebunkert, wie der Magen in der Frühe so verträgt. Dieser Tag wird die letzten Kräfte abverlangen und ich hoffe, dass sie nicht zu früh zu Ende gehen. Spätestens der letzte, nicht enden wollende Anstieg zum Timmelsjoch auf 2509 m wird es an den Tag bringen ob die Körner und der Willen ausreichen die Passhöhe zu erreichen oder ob man entkräftet im Besenwagen zurück nach Sölden fährt.
Es sind nicht die 228 km (echten) Streckenlänge die dieses Rennen so schwer machen, sondern die 5500 Höhenmeter über die vier Alpenpässe Kühtai (2017m), Brenner 1374m), Jaufen (2094m)und Timmelsjoch (2509m) und die schnell wechselnden klimatischen Bedingungen.

Die Ernüchterung-totes Display Als ich mich um 5:45 Uhr zum Start aufmachen will dann gleich die erste Ernüchterung; mein HAC, das wichtigste Instrument zur Tempoeinteilung bei so einer schweren Tour zeigt Totalausfall, die Batterie streikt. Ersatz ist auf die Schnelle nicht vorhanden, es muss also jetzt ohne Tacho und Stoppuhr gehen. Aber noch schlimmer ist die ebenfalls fehlende Pulsanzeige. Ich muss mich also heute ausschliesslich auf mein Gefühl verlassen. Damit ist bei dieser schweren Runde die Gefahr groß, nicht ökonomisch genug zu fahren und die Kräfte zu früh auf der Strasse zu lassen.
In der Nähe der Gaislachkogelbahn gelingt es mir, mich in das aufgestellte Fahrerfeld einzureihen. So ein Zufall, ein Hattersheimer Trikot, Adrian steht kurz vor mir. Bis zum Start um 6:30 Uhr versuche ich mich auf den ersten Streckenabschnitt zu konzentrieren. Es gehen mir viele Gedanken durch den Kopf; hoffentlich keine Panne, wo kann ich Zeit gegenüber dem Vorjahr gutmachen, werde ich überhaupt durchkommen, reicht auch ohne HAC die Kraft noch für das Timmelsjoch?

Erster Adrenalinschub Endlich ist es dann soweit, der Bürgermeister von Sölden zündet pünktlich die Startkanone. Entlang des Starterfeldes werden bengalische Feuer entfacht. Der erste Adrenalinschub. Bis ich über die Startlinie rolle, begleitet von zahllosen klatschenden und Glück wünschenden Zuschauern, dauert es noch fast 10 Minuten. Aber nach dem Transparent „Hier beginnt Dein Traum“ über der Startlinie, gleich Kette rechts und in einem Affenzahn durch Sölden in die 32 km lange Abfahrt nach Ötz. Mit hoher Trittfrequenz und immer den Windschatten des Vordermannes suchend, versuche ich mit hoher Geschwindigkeit möglichst kräftesparend zu fahren.


Aufgepasst, hier gibt's Kühe Nach 42 Minuten bei einem 45er Schnitt ist der Spaß vorbei und es geht in die erste steile Rampe des 17,3 km langen Anstieges von Ötz zum Kühtaisattel mit 1165 m Höhendifferenz. Es kommt an der ersten Steigung nach der Zwischen-zeitnahme zum erwarteten Stau. Bis jeder den richtigen Rhythmus gefunden hat dauert es eine Weile, man muss hier aufpassen, dass man nicht mit anderen Radfahrern kollidiert. Trotz der Kühle kommt der Körper jetzt endlich richtig auf Betriebstemperatur. Doch irgendwie läuft es nicht so rund wie im vergangenen Jahr, das merke ich ganz besonders an der steilsten Stelle des Kühtai bei der Ortschaft Ochsengarten, wo die Steigung auf 18% anwächst. Ich vermisse die Pulsanzeige. Kurz vor der Passhöhe dann noch eine Crosspassage durch eine unbefestigte und verschlammte Baustelle. Die Verpflegungsstation oben am Kühtai ist in Sichtweite und ebenso das Gedrängel von hunderten von Radfahrern die gleichzeitig Getränke und Essen fassen wollen. Aber die zahlreichen freiwilligen Helfer meistern das mit Geschick und Geduld. Ich mache nur eine kurze Pause und ziehe für die rasende Abfahrt eine Regenjacke und lange Handschuhe über. Es ist immer noch trocken und man kann es laufen lassen. Aufpassen muss man jedoch auf die Kühe die sich gelegentlich auf der Fahrbahn bewegen, aber auch hier vorbildliche Streckensicherung durch Posten am Anfang und Ende der kritischen Galerien. 55 Minuten dauerte die Abfahrt durch das Sellraintal hinunter. Die verstreuten Abfahrer finden sich hier in Kematen wieder in grossen Gruppen zusammen und im Flachstück bis Innsbruck wird wieder hohes Tempo gefahren.

Zum Brenner geht's noch locker Ein Lob an die Organisatoren, denn die Auffahrt zum Brenner ist in diesem Jahr ebenfalls für den Ötztaler komplett autofrei. Weil es wärmer geworden ist, hielt ich im ersten Teil des Anstieges noch einmal an, um Regenjacke, Handschuhe und Weste auszuziehen. Die moderate Steigung des Brenner fährt sich bis Gries recht locker und verführt immer wieder auf den Flachstücken zum schnellfahren. Hier darf man nicht zu viel investieren und sich von schnellen Gruppen mitreißen lassen. Ab Gries geht es dann mit 12% Schlusssteigung auf den 1377m hohen Brenner Pass. Für diejenigen Radfahrer, die Zeit einsparen und oben am Brenner nicht halten wollen, stehen bereits viele Begleiter vor der Passhöhe mit Verpflegung. Der erste Regenschauer setzt ein. Zum Glück ist die Labestation Brenner nicht mehr weit. Dort ziehe ich zuerst wieder die Regenjacke an. Nach der Verpflegungspause geht es dann bei Regen in die Abfahrt nach Sterzing. Ab Gossensass ist es wieder trocken und in Sterzing angenehm warm

Jaufenpass Die Auffahrt zum Jaufenpass steht bevor und ich mache wieder einen kurzen Stop um alles Überflüssige auszuziehen. 1115 Höhenmeter sind jetzt auf 15,5 km zu überwinden . Hier gibt es keine Erholungsphasen, denn die Steigung zieht sich relativ gleichmäßig bis zum Gipfel durch und beträgt im Schnitt 7%. Die Höchststeigungen von 12% werden gleich zu Anfang und ca. 1,5 km vor der Passhöhe am Jaufenhaus erreicht. Der größte Teil dieses Streckenabschnittes ist bewaldet, jedoch eröffnen sich immer wieder herrliche Ausblicke, denn die Sonne lässt sich jetzt öfter blicken. Ich finde einen guten Tritt, aber nach 1 ½ Stunden Bergauffahrt sehne ich doch die Passhöhe und die Labestation herbei, die zu meiner Überraschung jetzt direkt auf den höchsten Punkt vorverlegt wurde. Eine aus meiner Sicht sehr sinnvolle Massnahme der Organisation. Ebenso wie die Aufhängevorrichtungen für die Fahrräder, die etwas Ordnung schaffen bei dem begrenzten Platzangebot. Bevor ich mich in die Abfahrt nach St. Leonhard stürze, erkundige ich mich nach der Zeit, und zu meiner Überraschung ist es erst 13:25 Uhr, ich liege also 20 Minuten vor meinem persönlichen Zeitplan, der auf eine Endzeit von 11:15 h hoffen lässt, wenn alles planmässig weiterläuft. Die Abfahrt ins Passeiertal ist bei sonnigem Wetter ein Genuß, auch Dank der zahlreichen neu geteeerten Straßenabschnitte.

Der Einbruch in Moos Nach 26 Minuten bin ich in St. Leonhard angekommen und hier ist es jetzt sommerlich warm. Zu warm, denn es geht gleich in den alles entscheidenden 28km langen Anstieg zum Timmelsjoch. Der härteste Teil des Ötztalers liegt jetzt vor. Bei Temperaturen von 30 °C im Tal ist der Tritt jetzt nicht mehr flüssig, und es deutet sich bei mir an, dass es bereits an die Reserven geht.
1774 Höhenmeter liegen noch vor mir und meine Moral hat bei der Ortschaft Moos ihren Tiefpunkt erreicht. Vor den giftigen 12 bis 14% steilen Kehren, die ich so nicht mehr in Erinnerung hatte, zwingt mich mein Körper noch einmal an einer schattigen Scheune zum Anhalten. Alles Überflüssige ziehe ich noch aus, vielleicht hilft jetzt ein Powergel. Die Wetterbedingungen machen mir heute zu schaffen. Ich zwinge mich wieder in den Sattel, der Tritt ist jedoch ungewohnt langsam. Kraftlos geht es weiter aufwärts, den Blick auf das Hinterrad der Mitleidenden gerichtet. Meine Gedanken gelten nur noch dem Erreichen der letzten Labestation in Schönau, aber bis dahin sind es immer noch lange 7 km. Und weiterhin brennt die Sonne und versagt jegliche Abkühlung. Das ging vergangenes Jahr hier bedeutend besser, meine Moral war jetzt völlig im Eimer.

Jetzt geht es an die letzten Körner
Aber irgendwie erreiche ich Schönau und ich greife dort als erstes zu einer Cola, meine letzte Rettung. Noch einmal richtig verpflegen und die Oberschenkel dehnen für die letzten 700 Höhenmeter des Ötztalers bis hinauf auf 2509m Höhe, der Passhöhe am Timmelsjoch. Werde ich die noch schaffen? Zweifel kommen wieder auf, ebenso heftiger Wind. Die Gesichter vieler Radsportler sind bereits gezeichnet und viele haben schon entkräftet aufgegeben und sind in den Besenwagen eingestiegen. Ein Blick nach oben verheisst nicht Gutes, dunkle Wolken ziehen am Timmelsjoch auf, da braut sich was zusammen. Es sieht so aus, als gäbe es wieder eine Abkühlung. Ich setze meine Fahrt fort und versuche mich wieder im etwas flacheren Teil nach der Labe auf den Tritt zu konzentrieren. Irgendwie geht es wieder, wenn auch nicht in dem Tempo wie ich es mir vorstelle. Weiter oben fängt es an zu regnen. Die immer noch schönen Ausblicke auf sonnenbeschiene, umliegenden Berge kann ich dieses Jahr nicht so recht geniessen. Wenn man andere sich quälen sieht, ist jedoch das eigene Leid nicht ganz so groß und deshalb erreiche ich auch die letzte Getränkestation. Die lasse ich aus. Das letzte Stück auch ohne Red Bull gehen, denn es können nur noch ca 3km bis zum ersehnten Tunnel sein. Ich schaffe es ohne abzusteigen bis zur letzten Kehre. Der Tunnel ist endlich da, ein Gefühl der Erleichterung macht sich breit, ich habe es (fast) geschafft.

Eisiger Regen am Timmel Nach dem Tunnel bläst mir ein eisiger Wind entgegen. Als es nach überschreiten der Passhöhe in die Abfahrt geht, peitscht der Regen wie Nadeln im Gesicht. Auf der 5 km langen Abfahrt bis in den Gegenanstieg vor der Mautstation kommt bei diesem Gegenwind keine Freude auf und mir wird kalt. Ich nehme die Brille ab, denn ich sehe durch die Regentropfen auf der Brille nicht mehr viel bis gar nichts. Der Gegenanstieg mit den letzten 150 Höhenmetern zieht sich und zwingt noch einmal zum „Beissen“. Dann ist die Mautstation endlich erreicht. Bevor es in die ersehnte, 18km lange Abfahrt hinunter nach Sölden geht, muss ich noch einmal anhalten weil mir kalt ist. Mit Regenjacke und langen Handschuhen geht es hinunter Richtung Ziel. Durchgefroren und dadurch verkrampft, fahre ich in der Abfahrt besonders vorsichtig und werde deshalb noch von vielen überholt. Aber jetzt nur kein Risiko mehr und heil im Ziel ankommen.


Frierend im Ziel Ab Zwieselstein ist es wieder trocken, aber immer noch sehr windig. Um 17:42 Uhr fahre ich nach 11:04 h in Sölden über die Ziellinie. Jubelnde Zuschauer im Zielraum, die jeden Finisher begeisternd empfangen, auch die Letzten, die erst nach 20:00 ankommen. Gänsehaut pur. Eine klasse Stimmung. Nach Abgabe des Zeitmesschips im Zielraum war mein erster Gang zum Verpflegungsstand, wo es einen wärmenden Tee und leckeren Kuchen gab. Nachdem mich der Tee etwas aufgewärmt hatte, realisiere ich erst, dass ich trotz der Leiden am Timmelsjoch meine Zeit vom Vorjahr um stolze 55 Minuten verbessert habe. Die Freude darüber kehrte jedoch erst später ein; nachdem ich 15 Minuten unter der heissen Dusche gestanden habe und die zwischzeitlichen Gedanken „Nie wieder !!!“ weggespült sind.


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