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Der längste Tag des Jahres - mein erster Ironman am 05. Juli 2009
Bericht von Anna Wächtershäuser

Vor einem Jahr fiel die Entscheidung: ich möchte beim Ironman in Frankfurt 2009 an den Start gehen. Zu diesem Zeitpunkt zeigte der Countdown auf der Ironman Homepage auch noch ungefähr 365 Tage an, reichlich Zeit um sich entsprechend vorzubereiten. Genauso schnell wie sich das Anmeldeformular füllen ließ, war es dann auch schon Dezember 2008 und so richtig losgelegt mit der Vorbereitung hatte ich eigentlich noch nicht.

Aber noch war ja Zeit… Eine Leistungsdiagnostik sollte den Grundstein legen um von jetzt an gezielt auf den 05. Juli zu trainieren. Dort bekam ich dann auch direkt den Beleg schwarz auf weiß: Grundlagenausdauer miserabel – dafür dann aber mit reichlich Potenzial nach oben...Es hat zumindest den gewünschten Effekt erzielt, ab jetzt war ich wachgerüttelt und die ersten KM im Wohnzimmer auf der Rolle spulten sich langsam auf den Tacho, die Kacheln im Hallenbad waren mir alle bekannt und auch die langen Laufeinheiten im Taunus fanden Einzug in meine Wochenendplanung. Immerhin zeigte es sich dann auch positiv in den Ergebnissen der Leistungsdiagnostik und ein Zieleinlauf am 05. Juli rückte wieder von Unmöglich über Unwahrscheinlich zu „machbar“. Währendessen zählte allerdings auch der Countdown der Ironman Seite unermüdlich runter und schneller als erwartet war er da: der Tag vor dem Wettkampf.

Check-In, die Ausgabe der Startunterlagen erfolgt am Römer und mit bereits aufgebauter Bühne bekommt man hier auch direkt den ersten Eindruck von dem bevorstehenden Event…Sobald das rote Bändchen mit der Aufschrift: Athlet 2009 an meinem Handgelenk geschlossen wurde ging es auch schon los: Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, ein leichtes Grippegefühl, Schluckbeschwerden, Knieschmerzen…mein Körper spielte verrückt – oder war es vielleicht nur der Kopf? Bei der Wettkampfbesprechung in der Eissporthalle in Frankfurt durften sich dann alle zu erkennen geben die in diesem Jahr zum ersten Mal an den Start gingen. Ein schönes Gefühl: ich war nicht allein. Gefühlt die Hälfte der Hände ging nach oben. Gut möglich, dass jedoch die erfahrenen Athleten einfach nicht zur Wettkampfbesprechung erschienen sind. Hier wurde auch zur überraschenden Doping- Kontrolle bei einer zufälligen Auswahl der Athleten aufgefordert, was ich persönlich für einen sehr guten Schritt halte.

Danach begann schon der eigentliche Wettkampf: im Shuttle Bus auf dem Weg zur Rad- Check- In am Langener Waldsee. Es erweckte fast den Eindruck als könne man hier schon wertvolle Minuten gut machen wenn man als erstes aus dem Bus steigt und in die Wechselzone stürmt….An dieser Stelle auch ein Lob an den Veranstalter: es war wirklich sehr gut organisiert und auch aus dem Rad-Diebstahl in Wiesbaden beim 70.3 wurde gelernt, die Sicherheitsmaßnahmen waren entsprechend verschärft! Rad eingecheckt, Laufbeutel abgegeben und wieder raus aus der Wechselzone – die ersten Zweifel ob auch alles vollständig ist (hoffentlich habe ich auch die Laufschuhe in den Beutel gepackt…). Jetzt blieb mir also nur noch abzuwarten, reichlich Pasta zu essen und irgendwie etwas Schlaf zu finden. Also nach Hause ab ins Bett und versuchen einzuschlafen (hoffentlich sind die Laufschuhe im Beutel…)

Der längste Tag, Sonntag, 05. Juli - 04:00h morgens und der Wecker klingelt, wobei das gar nicht nötig gewesen wäre denn ich bin schon wach. So richtig gut vorbereitet fühle ich mich nicht mehr an diesem morgen, habe mir aber sagen lassen das sei normal. Hunger habe ich natürlich auch nicht. Aber Frühstücken ist ja wichtig, also schnell ein paar Marmeladenbrote und dann nichts wie auf zum Shuttle-Bus an das Rebstockgelände. Dort tummelten sich schon die ersten Athleten und erst jetzt wurde mir das Ausmaß dieser Veranstaltung so richtig bewusst. 2300 Starter für diesen einen Tag auf dieser einen Strecke – mit Ausnahme von ca 250 Profis und Altersklassen-Athleten, die bereits 15 Minuten vorher auf die Strecke geschickt wurden.

Ein letzter Check also in der Wechselzone, die Reifen wurden zum 8ten mal aufgepumpt uns es bestätigte sich bei einigen Athleten mal wieder das Phänomen, dass nach 10 bar der Reifen auch irgendwann mal platzt. 05:00h und ich war eigentlich schon fertig mit meinem „Wechselzonen- Check“, so sehr ich auch überlegte es war einfach nichts mehr zu tun – oder hatte ich doch etwas vergessen? Also noch mal zurück zum Rad und einen letzten Blick riskieren: Fahrrad, Schuhe, Helm, Startnummer, Tacho, Brustgurt, Trikot – der Rest im Beutel. A propos Beutel: hoffentlich hatte ich die Laufschuhe auch eingepackt…

Also genug Zeit um einen kurzen Blick auf das Material meiner Mitstreiter zu werfen. Unglaubliche „Rennmaschinen“ reihten sich hier aneinander, und das nicht nur im Bereich der Profis. Allein schon dieser Anblick war es fast Wert an den Start zu gehen. Jetzt noch schnell ein weiteres Marmeladenbrot und dann schon mal zur Hälfte in den Neopren- Anzug und runter zum Wasser. Den Start der Profis nicht verpassen. Jetzt wird mir auch zum 2. Mal bewusst wie groß das Starterfeld ist, als sich 2.000 Athleten die „Sand-Rampe“ hinunter zum Wasser begeben um sich schon mal „einzuschwimmen“. Einschwimmen hatte ich für mich aus dem Programm genommen, denn dafür hatte ich ja schließlich 3,8km Zeit. Nach dem ich dann auch Manuel nicht mehr überzeugen konnte evtl. doch für mich an den Start zu gehen, bin ich dann also auch ins Wasser. Überraschend warm, zum Glück waren die Neoprenanzüge aber noch erlaubt!

Jetzt war es also soweit, kurz vorm Start. Der Magen fühlt sich flau an, die Schwimmbrille beschlagen und aus Armen und Beinen hat plötzlich jemand die Luft raus gelassen – Startschuss. Das kam etwas überraschend, ich wollte mich aber ohnehin aus dem Hauptfeld und den „Eishockey- ähnlichen“ Kämpfen raushalte und wartete also noch einen Augenblick ab. Erstaunerlicherweise konnte ich dann auch direkt in meinem eigenen Rhythmus los schwimmen, und dank der vielen Athleten im Wasser war ein Orientieren nach vorne gar nicht weiter notwendig. Es genügte vollkommen beim Atmen nach rechts und links noch die Athleten neben sich zu sehen um in etwa die Richtung zu halten. Nach einigen leichten Kämpfen an der ersten Wendeboje war die erste Halbzeit dann auch schnell erreicht und es ging über den kurzen Landgang in Runde 2. Auch hier hatte ich das Glück direkt wieder in meinen Rhythmus zu finden und nach 1h 20 durfte ich die Sandrampe zur ersten Wechselzone hinauf. Ein tolles Gefühl, Schwimmen: erledigt!

Ab ins Wechselzonen- Zelt, raus aus dem Neo und rein in die Radklamotten. Da die Zeit in diesem Wettkampf für mich keine Rolle spielen sollte, gönnte ich mir auch den Luxus einer „echten“ Radhose, mit echtem Polster. Ich glaube den ein oder anderen Neidvollen Blick meiner Mitstreiter im Triathlonanzug habe ich wohl dafür geerntet…. Auf zum Rad, hinausschieben bis ans Ende der Wechselzone, angefeuert von einer Menge Zuschauer. Die waren zwar in erster Linie wegen der Profis hier, macht aber nichts, fühlt sich trotzdem gut an bei einer solchen Kulisse aufs Rad zu steigen. Schnell noch den ersten Riegel essen, auch wenn es sich nicht nach Hunger anfühlt, und dann raus aus Langen in Richtung Frankfurt Stadtmitte auf die 2x 90km Schleife…schau’n wir mal…

Ich lasse es erstmal etwas ruhiger angehen, was nicht immer ganz einfach ist auf einer Strecke mit so vielen Fahrern, wo natürlich schon auch ein paar Tempo-Spielchen gemacht werden. Aber die Windschattenbox von 10x 3 Metern hilft, kontrolliert von 60 Kampfrichtern die auf ihren Motorrädern unterwegs sind und bei Verstoß direkt eine Zeitstrafe verhängen. Also versuche ich weiter „locker zu kurbeln“, den Puls nicht zu hoch steigen zu lassen und genieße die Strecke. Und abgesehen von dem Ausblick auf den bevorstehenden Marathon konnte man das auch: es waren so viele tolle Leute an der Strecke die einen permanent ermutigt haben weiter zu fahren und natürlich alles zu geben. Jede Menge Kinder die am Straßenrand schon die Hand ausstreckten um abgeklatscht zu werden – es drängt sich wirklich das Gefühl auf als Profi auf der Strecke unterwegs zu sein – und natürlich die vielen Helfer die ununterbrochen für Nachschub an Gel, Powerbar, Getränken und Bananen sorgten. Echt klasse! Gemäß Lehrbuch habe ich auch gefühlt alle 5 Minuten Nahrung zu mir genommen. Für das restliche Jahr bin ich jetzt also von Powerbar und Powergel geheilt – besonders in der Geschmacksrichtung Vanille, die scheinbar im ungleichmäßigen Verhältnis verteilt wurde.

Heartbreak Hill - jetzt mal zu den „gefährlichen“ Bergen der Radstrecke mit den gefürchteten Namen: the Hell, Heartbreak Hill, etc. Diese sind im Vergleich zum Mittwochs- Training in der Gruppe 2 wohl eher nur in die Kategorie leichte Wellen einzustufen – aber im Laufe der 180km bin ich froh über jeden Hügel der nicht zu fahren ist. Pünktlich in der 2. Runde kamen dann die ersten „Wehwehchen“, und ich sah mich plötzlich mit einem stechenden Schmerz im Fuß konfrontiert. Bei jeder Umdrehung piekste es in die Fußsohle, so dass ich die Laufstrecke gedanklich schon abgeschrieben hatte. Die Radstrecke zu Ende bringen ging auf jeden Fall, so schlimm war es ja nicht, nur lästig. Ob das auf der Laufstrecke gut gehen würde…? Nach dem letzen Berg in Bad Vilbel geht es zurück in Richtung Stadt, sogar mit Blick auf die Skyline. Schön – ist mir in der ersten Runde gar nicht aufgefallen. Jetzt kann man es fast „ausrollen“ lassen und versuchen die Beine etwas zu lockern. Wenn nur dieses Stechen im Fuß aufhören würde…und hatte ich überhaupt die Laufschuhe in den Beutel gepackt?

Nach ca 6. Stunden erreichte ich die 2. Wechselzone und ein freundlicher Helfer schnappte mein Fahrrad, ein weiterer meinen Beutel und ab ging es ins Wechselzonen Zelt. Dort wurde der gesamt Inhalt dann auch erstmal ausgeleert, damit ich raussuchen konnte was ich brauchte. Juchhu – die Laufschuhe waren also im Beutel und ich konnte den Gedanken der mich bereits seit 8 Stunden verfolgte endlich abhaken. Auch hier gönne ich mir den Luxus des kompletten Kleider –Wechsels, und sogar die Zeit für die unglaublich modischen „Stützstrümpfe“ nehme ich mir. Ob sie wirklich helfen kann ich an dieser Stelle gar nicht beantworten – aber allein für das Gefühl im Kopf war es für mich wichtig.

Angstdisziplin, ab auf die Laufstrecke: meine „Angstdisziplin“ – 42km und das bei diesem Wetter. Aber gut, jetzt wo ich schon mal hier bin kann ich auch loslaufen und schauen wie weit es geht. Also jogge ich erstmal los, das Stechen im Fuß ist plötzlich wieder weg, interessant. Dennoch fühlen sich die ersten KM an wie ein Lauf auf rohen Eiern. Wenn sich die ersten 100m schon anfühlen wie 800m, dann sind ja 42 km gefühlt…. Aber schon entdecke ich die ersten Bekannten Gesichter auf der Laufstrecke: Manuel und ein paar Vereinskollegen haben sich direkt bei den ersten KM ein Quartier gesucht. Sehr gut – ein Anlaufpunkt für die kommenden Runden, denn die Laufstrecke war ja in 4 Runden a 10 km aufgeteilt. Die erste Verpflegungsstation liegt bei km2 und ich nehme mir die Zeit in Ruhe zu trinken, etwas Salz im Wasser aufzulösen und zur Abwechslung auch mal wieder ein Gel zu nehmen. Ein paar Schritte gehen, tief durchatmen, und schon geht es auch gleich viel besser und ich komme langsam in meinen Rhythmus. Das ist wirklich wichtig für die gesamte Distanz: finde deinen eigenen Rhythmus!

Auf der anderen Mainseite stehen dann direkt meine Schwester und meine Eltern, ein paar Meter weiter wieder Vereinskollegen. So macht das richtig Spaß und hoppla, stand da auf dem Schild eben schon KM7? Ich hatte fest damit gerechnet gedanklich jeden Meter von den 42km abzuziehen. Aber die Stimmung an der Laufstrecke war so toll, da blieb gar keine Zeit im Kopf die Lust zu verlieren. Ich hatte tatsächlich meinen Rhythmus gefunden und sogar das Laufen fing an mir Spaß zu machen. Dieser Rhythmus war im übrigen auch für die Verpflegungsstation wichtig, wo ich mir jedes Mal die Zeit nehme zu gehen, in Ruhe Wasser zu trinken, Salz und Gel zu mir zu nehmen, einen kurzen Stop auf dem Dixie- Häuschen einzulegen und dann wieder loszutraben. Mit jeder Runde und dem dazugehörigen Bändchen am Arm wächst die Freude & Zuversicht auf jeden Fall das Ziel zu erreichen. Und in jeder Runde freue ich mich wieder auf die bekannten Anlaufstellen der Freunde & Bekannte. Es machte echt Spaß – klar wurden die Beine irgendwann schwer und müde, da ging es aber auch schon in die letzte Runde.Letzte Runde - Zeit sich bei allen zu bedanken: den Helfern, Zuschauern, Freunden und Bekannten – ohne diese Unterstützung hätte ich sicherlich nach km 4 die Abkürzung zur S-Bahn genommen….

Höhenflug - nach der letzten Brücke darf ich endlich abbiegen Richtung Zieleinlauf. Das Gefühl auf den letzten 600m ist wirklich unbeschreiblich – der Zielkanal tatsächlich ein Höhenflug der Gefühle, die Beine plötzlich wieder federleicht und das Grinsen lässt sich aus dem Gesicht nicht mehr verbannen. Die lieben Freunde stehen noch einmal an der letzten Kurve vor dem Anstieg zum Römer. Zeit alle noch mal kurz in den Arm zu nehmen und dann die letzten Meter hinauf zum Römer. Der Zielkanal ist so eng, dass ich mit ausgestreckten Armen die Zuschauer auf beiden Seiten abklatschen kann. Und genau das mache ich auch – ein tolles Gefühl. Wirklich zum Schreien – und genau das mache ich auch.


Nach 12h 3 Minuten und 53 Sekunden überquere ich überglücklich die Ziellinie. Gänsehaut!

Auch hier stehen eine Menge Helfer bereit und ich werde in den Zielbereich begleitet. Vor lauter Freude weiß ich gar nichts mit mir anzufangen, und stehe erstmal im Zielbereich rum und freue mich über jeden Finisher. Irgendwie habe ich noch Energie – oder Euphorie?. Schnell unter die Dusche, ab auf die Massage Liege und dann raus auf den Römer. Zu allen die schon feiern und auf die letzten Athleten warten, die nach 16h im Ziel eintreffen. Eine riesige Stimmung, ich fühle mich großartig, könnte die ganze Nacht durchmachen….nur 1 Stunde später liege ich schon im Bett und schlafe wie ein Stein. Der Muskelkater erinnert mich noch ein paar Tage an dieses tolle Erlebnis. Direkt überkommt einen das Gefühl es wieder tun zu wollen, alle Anstrengung ist vergessen, der längste Tag des Jahres vorbei….aber nach dem Rennen ist ja bekanntlich vor dem Rennen.