Sonne, Wind und tolle Stimmung
Bericht von Karsten Maaß
August 2009. Endlich steht das HEW-Wochenende vor der Tür. Ich sage immer noch HEW, obwohl die Veranstaltung seit einigen Jahren bereits Vattenfall-Cyclassics heißt. Hat sich scheinbar tief eingebrannt, der alte Name. Die Vorfreude ist riesengroß, obwohl ich in diesem Jahr angesichts meiner wenigen Trainingskilometer eher Grund hätte, das Zeitlimit und damit den Besenwagen zu fürchten. Für die 155 km ist ein Mindestschnitt von 31 km/h gefordert. Ich hoffe, den kann ich halten. Es hat bisher immer viel Spaß gemacht in Hamburg zu fahren. Die vielen Zuschauer dort an der Strecke sind der Hammer, da ist nichts mit hanseatischer Zurückhaltung. Es wird einfach nur Stimmung gemacht und auch der Letzte auf der Strecke wird noch angefeuert.
Am Anreisetag stellt sich heraus, dass die Klimaanlage im Auto kaputt ist. Wir werden also erstmal gekocht. Die Wettervorhersage für das Wochenende klingt leider eher durchwachsen. Es soll zwar relativ warm bleiben, aber es soll sehr windig werden und die Wahrscheinlichkeit von Schauern und Gewittern am Sonntag ziemlich hoch sein. Warum muss ich eigentlich plötzlich an Mallorca denken?
Strecke
Gelbe Starterbeutel - Am Freitag, beim Abholen der Startunterlagen, stellt sich dann das erste ernsthafte Kribbeln im Bauch ein. In der ganzen Innenstadt scheint es nur noch um das Thema Radsport zu gehen. Es werden bereits Absperrungen aufgebaut. Auf dem Rathausplatz und entlang des Jungfernstiegs entsteht eine Radsportmesse. Überall sieht man schon Leute mit ihren gelben Starterbeuteln herumlaufen. Jeder gibt sich cool, aber ich bin sicher, die wenigsten sind es wirklich. Ich auch nicht, obwohl es bereits meine neunte Teilnahme ist. Abends wird dann zusammen mit dem Freund, bei dem wir übernachten, noch eine kleine Runde durch das „Alte Land“ gedreht. Er hat bereits 10 Teilnahmen hinter sich und besitzt das „Cyclub-Trikot“, das man bei der 11. Anmeldung bekommt. Das will ich auch haben….
Bis zum Samstagabend bleibt die Wettervorhersage unverändert. Schade. Nicht nur, dass es bei schönem Wetter natürlich viel mehr Spaß macht und mehr Zuschauer an der Strecke sind, es ist bei Nässe auch viel gefährlicher. Immerhin sind es 22.000 Starter und es gibt auch bei gutem Wetter schon genügend Unfälle. Abends kommt die Mutter unseres Freundes, eine alte Obstbäuerin, vorbei und meint, „sie wüsste gar nicht, was die im Radio für dummes Zeug schnacken, morgen wird das Wetter gut“. Wir beten, dass sie Recht hat. Zur Steigerung der Ausdauer wird dann noch ein Heidegeist getrunken.
Startblock G - wo ist Axel? - Am Sonntagmorgen quäle ich mich um 4.30 Uhr aus dem Bett. Ein Frühaufsteher war ich noch nie. Ich frage mich, ob ich bescheuert bin und was ich hier eigentlich mache. Die trübsinnigen Gedanken verfliegen aber sofort, als wir auf der Fähre sind, die uns von Finkenwerder nach St. Pauli bringt. Wir nehmen zur Sicherheit immer eine Fähre früher als wir eigentlich müssten und auch auf der sind schon andere Radler auf den Weg zum Start in die Innenstadt. Sofort ist das Kribbeln wieder da. Und beim Blick in den Himmel schleicht sich ein breites Grinsen ins Gesicht. Die Sonne geht langsam auf, es ist keine Wolke zu sehen und die Silhouette Hamburgs liegt vor einem satten Morgenrot.
Von den Landungsbrücken aus noch ein kurzer Weg mit dem Rad hin zum Umkleidebereich, wo die Starterbeutel abgegeben werden. Jetzt steht die Entscheidung an, ob ich die Regenjacke mitnehme. Nach einem kurzen Blick in den Himmel und auf die Trikottaschen meiner herumwuselnden Mitstreiter stopfe ich sie in den Beutel und gebe sie mit ab. Dann geht es zur Startaufstellung. Obwohl ich es jetzt schon einige Male erlebt habe, ist es doch immer wieder ein beeindruckender Anblick, wenn sich etwa 22.000 Leute in bunten Trikots zum Start aufstellen. Die Innenstadtstraßen sind komplett dicht. Auf den beiden längeren Distanzen (100 km und 155 km) wird von A – M in 500er Blöcken gestartet und bis zum letzten Starblock S folgen dann 1000er und sogar 1500er Blöcke. Die Zuordnung erfolgt grundsätzlich nach den gefahrenen Vorjahreszeiten. Neueinsteiger müssen immer aus den hinteren Blöcken starten. Ganz vorne stehen die VIPs. Mir hat man diesmal den Startblock G zugeteilt. Im Startblock angekommen, halte ich nach Axel (Wilken) Ausschau. Er ist hier auch bereits mehrfach gefahren und wir haben uns in den vergangenen Jahren – ohne verabredet gewesen zu sein – immer im gleichen Startblock getroffen, da wir fast identische Zeiten gefahren sind. Diesmal müsste ich ihn schon von weitem erkennen können, er trägt ja jetzt unser Trikot. Ich kann ihn allerdings nirgends entdecken. Auch von Hendrik (Khezri) weiß ich, dass er sich für die 100 km angemeldet hat. Er wird aber in einem Startblock weiter vorne stehen, da er im Vorjahr sehr schnell unterwegs war. Im gleichen Maße, wie sich die Startblöcke langsam füllen, steigt auch die allgemeine Nervosität. Viele drücken nochmal auf den Reifen herum, ob der Luftdruck einigermaßen stimmt und einige springen noch schnell über die Absperrgitter und verschwinden in den überall herumstehenden „Dixies“. Aus den Lautsprechern dröhnt Musik, gelegentlich unterbrochen von mehr oder weniger belanglosen Interviews.
Hohes Anfangstempo und die üblichen Stürze - Dann wird es 8.00 Uhr und Startblock A wird ins Rennen geschickt. Die folgenden Blöcke werden in Abständen von etwa 2 Minuten gestartet. Über die Lautsprecher kann man mitverfolgen, welcher Block gerade startet. Dann sind E und F dran. Gleich sind wir an der Reihe. 500 Schuhe klicken ein und los geht es. Vorsichtig anfahren, dass in dem Gedränge ja kein Unfall passiert. Die Zuschauer veranstalten ein Heidenspektakel. Die scharfe Rechtskurve am Bahnhof nehmen, dann kommt auch schon die Matte für die Zeitmessung. Jetzt geht es los. Mein Startblock jagt los, als wäre der Teufel persönlich hinter ihm her. Bei km 2 steht das erste arme Schwein am Straßenrand und wechselt hektisch einen Schlauch. Das hatte ich auch schon mal, ist ein blödes Gefühl, wenn man da steht und hinter einem jagen die Felder vorbei. So zwischen km 5 und km 10 schießt mir der Gedanke durch den Kopf, dass das eigentlich ganz schön schnell ist, was wir hier veranstalten. Bis km 15 wird daraus ein „eigentlich zu schnell, für das was noch vor uns liegt“. Andererseits weiß man, dass im Startblock hinter uns das gleiche Spiel läuft und wer will sich schon am Anfang des Rennens von den schnelleren Leuten des Folgeblocks überholen lassen? Also weiter! Etwa bei km 20 beruhigt sich das Ganze dann zum Glück ein wenig. Es geht jetzt zunächst direkt nach Süden in die Heide hinein. Die Landschaft ist leicht wellig. Das führt dazu, dass sich die Felder schnell in die Länge ziehen. Außerdem ist es ziemlich windig. Wer das Glück hat, einen kräftigen Fahrer vor sich zu haben, darf keine 5 cm Abstand lassen, sonst drängt sich sofort ein anderer dazwischen. Am Straßenrand die vielen kleinen Dramen. Leute mit Pannen und solche die nach kleineren Karambolagen versuchen, ihr Rad wieder flott zu kriegen. Zum Glück aber bisher nichts Ernstes. Bei mir rollt es jetzt ganz gut. Dann irgendwo zwischen km 30 und 40 ein Schock. Der Rettungshubschrauber ist direkt neben der Straße gelandet und Sanitäter bemühen sich hektisch um einen Kollegen, der blutüberströmt am Straßenrand liegt. Der Anblick verstärkt in mir einmal mehr den Gedanken, dass die gefahrene Zeit letztlich gar nicht so wichtig ist. Wenn ich das Gefühl habe, dass um einen herum unsichere Kantonisten fahren, halte ich lieber etwas Abstand. Wichtiger ist mir, gut anzukommen, Spaß dabei zu haben und die Stimmung zu genießen.
Volksfeststimmung am Straßenrand - In den kleinen Orten, die wir jetzt durchfahren, ist Volksfest angesagt. Teilweise spielen Kapellen und es liegt Grillduft in der Luft. Überall werden wir angefeuert. Dann bei km 50 die erste Verpflegungsstation. Davon gibt es 3. Eine hier, dann eine kurz nach der Feldertrennung bei km 100 und die letzte dann etwa bei km 130. Da die mittlere, die sich für die lange Strecke eigentlich anbieten würde, in den vergangenen Jahren aber völlig überlastet war und ich dort einmal viel Zeit verloren hatte, muss ich mich jetzt entscheiden, ob ich hier rausfahre, Getränke auffülle und dann versuche durchzufahren oder ob ich versuche, bis km 130 durchzukommen und dort ggf. noch mal kurz rausfahre. Wenn es ganz dumm kommt, könnte ich zur Not noch die 100er Verpflegung anfahren. Da die Gruppe gerade gut läuft, entscheide ich mich weiter zu fahren.
Der Wind bleibt biestig. Je nach Richtungswechsel haben wir ihn mal von vorne, mal von der Seite. Etwa ab km 80 dann auf einmal wieder eine Tempoverschärfung. Die „Hunderter“ ziehen noch mal kräftig an. Wir sind schon wieder auf dem Weg in die Stadt. Über die Köhlbrandbrücke - mit phantastischem Ausblick - geht es dann durch den Freihafen zur Feldertrennung. Die 100 km Fahrer biegen ab und fahren ins Ziel. Wir haben noch die 55-km Schleife nach Westen über Wedel und Blankenese vor uns. Jetzt heißt es aufpassen und sortieren. Man kann an der Farbe der Rückennummer erkennen, wer welche Strecke fährt. Mir ist es vor einigen Jahren einmal passiert, dass ich mich hier in einem Hunderterpulk befand. Als die dann alle abbogen, war ich plötzlich allein auf der breiten Ausfallstraße Richtung Westen, hatte natürlich Gegenwind und wäre hier fast verhungert. Diesmal aber nicht. Ich suche mir ein paar Rückennummern die auch auf meine Strecke gehen und schnell findet sich nach der Feldertrennung eine kleine Gruppe von etwa 15 Fahrern zusammen. Die Verpflegungsstelle bei km 103 lasse ich aus. Bis zur nächsten bei km 130 komme ich mit meinen Getränken hin. Hier stehen jetzt überall Zuschauer auf den Brücken und winken uns zu. Wir sind jetzt wieder eine große langgezogene Gruppe geworden. Der Wind ist stark böig und setzt uns zu. In Wedel ist dann wieder tolle Stimmung. Es sind viele Zuschauer da und wir werden enorm angefeuert. Das tut noch mal gut, denn jeder weiß, gleich geht es in die Hügel Richtung Blankenese hinein. Hier habe ich schon einmal böse Krämpfe bekommen. Dann die Verpflegung bei 130. Es sind noch etwas mehr als 20 km und ich habe noch eine halb gefüllte Trinkflasche. Schnell die Entscheidung: Weiter fahren. Das geht.
Bergtrikot stehen gelassen - Es kommen nun drei Steigungen, von denen eine etwas langgezogen ist. Die Nordlichter sagen Berge dazu…Trotzdem zeigt sich hier, wer sich leer geschossen hat und wer noch etwas Kraft hat. Ich fühle mich immer noch einigermaßen gut und kann sogar einen im Bergtrikot stehen lassen (grins). Dann geht es durch Blankenese über die Elbchaussee wieder nach Hamburg hinein. Hier stehen traumhafte Villen und man hat einen herrlichen Blick auf die Elbe. Da die vorher liegenden Hügel die Fahrerfelder immer völlig zerreißen, fährt man hier meist allein und kann in Ruhe einen Blick riskieren. Weiter geht es dann durch St. Pauli über den Kiez wieder in die Innenstadt hinein. Was jetzt kommt, ist der Hammer. In der Mönckebergstraße dichtgedrängte Menschenmassen am Straßenrand und ohrenbetäubender Lärm. Man nimmt überhaupt keine Einzelheiten mehr wahr. Dann die Zieldurchfahrt. Die Anspannung fällt ab, ein super Gefühl stellt sich ein. Mit meiner Zeit bin ich ganz zufrieden. Es hat für 4:33:31 gereicht. Das entspricht einem Schnitt von ungefähr 34,6 km/h. Für meine Verhältnisse ist das okay. Später sehe ich dann, dass auch Axel und Hendrik gut durchgekommen sind. Axel war ebenfalls auf der langen Strecke und ist 4:40.08 gefahren. Das ist ein Schnitt von 33,8 km/h. Er ist allerdings unterwegs rausgefahren. Das heißt, wir waren wohl mal wieder etwa gleich schnell unterwegs. Vielleicht sehen wir uns ja nächstes Jahr wieder im gleichen Startblock! Und Hendrik ist auf der 100er Strecke die Hammerzeit von 2:35:31 gefahren. Das ist ein sagenhafter Schnitt von 39,8 km/h.
Fazit: Es hat alles gepasst. Es hat mal wieder unglaublichen Spaß gemacht. Nächstes Jahr gerne wieder!
Platzierungen
| Streckenlänge | Platz AK | AK | Zeit | Schnitt | ||
| Hendrik Khezri |
|
100 km (103,1 km) |
102 | Senioren 2 | 2:35:31 | 39,78 km/h |
| Karsten Maaß |
|
155 km 157,1 km) |
719 | Senioren 2 | 4:33:31 | 34,59 km/h |
| Axel Wilken |
|
155 km ( 155,1 km) |
231 | Senioren 3 | 4:40:08 | 33,77 km/h |
Illustration
Quelle der Fotos: www.vattenfall-cyclassics.de und www.firstfotofactory.com