Von Oberammergau nach Riva del Garda -
831 Kilometer, 23 Pässe und rund 21.000 Höhenmeter in sieben Tagen
Bericht von Michael Ruffert
Die Jeantex Tour Transalp ist ein Amateur-Radrennen: An sieben Tagen geht es von Oberammergau nach Riva an den Garda-See. Gestartet wird im Zweierteam. In diesem Jahr waren rund 550 Teams, also etwa 1.100 Fahrer, aus 21 Nationen am Start. Unser Mitglied Michael Ruffert war dabei.
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Samstag, 24. Juni: Auftakt in Oberammergau
In dem bayerischen Touristenort erhalten wir Transponder für die Zeitnahme, Essensmarken und unsere Jeantex-Reisetaschen, die künftig täglich von einem Ort zum nächsten transportiert werden. An der Anmeldung stehen kernige Typen, durchtrainierte Radfahrer. Mir wird etwas mulmig, ob die Jeantex Transalp für mich der richtige Einstieg ins Fahrrad fahren in den Alpen ist – aber jetzt gibt es kein Zurück mehr.
Mein Teampartner Mike Goertz aus Oberursel, den ich im Internet kennengelernt hatte, ist schon in den Alpen und Dolomiten Rad gefahren. In den nächsten Tagen werden wir nicht zusammenfahren, weil Mike besser trainiert, schneller und ambitionierter ist und bei fast jeder Etappe das Ziel mehr als eine Stunde vor mir erreicht.
Sonntag, 25. Juni: 1. Etappe von Oberammergau nach Sölden
(141 Kilometer, 2.440 Höhemeter, 2 Pässe)
Am Start in Oberammergau plärrt laute Musik aus den Lautsprechern. Die Fahrer reihen sich in ihre Start-Blöcke ein, Nervosität macht sich breit. Das ist jetzt keine RTF sondern ein Radrennen, jedenfalls an der Spitze. Mein Ziel ist klar: Hauptsache in sieben Tagen in Riva ankommen.
Doch langsam fahren fällt nicht leicht: Zu Beginn ist die Strecke flach, und die Fahrer geben Gas. Es geht über den eher flachen Ammersattel (1.096 Meter), am Plansee vorbei. Schließlich kommt der große erste Anstieg zum Hahntennjoch auf (1.894 Meter) – bei brütender Hitze wird schnell klar, dass man in der Höhenluft der Alpen anders fahren muß als im Taunus. Nach einigen Kehren und Rampen schießt der Puls in nicht mehr gekannte Höhen – ich gehe auf Nummer sicher und halte kurz im Schatten an.
In langsamerer Fahrt geht es dann dem Pass entgegen, kurz vor der Abfahrt sehe ich wie sich von links der Rettungshubschrauber nähert. Ein Fahrer war mit hoher Geschwindigkeit vor die Felsen geknallt, bei der Vorbeifahrt sehe ich ihn auf der Bahre liegen und nehme noch ein wenig mehr Tempo raus. Die Schlußfahrt bis Sölden zieht sich noch lange hin – am Abend bin ich einigermaßen geschafft.
Montag, 26. Juni: 2. Etappe von Sölden nach Brixen
(126,2 km, 3.216 Höhenmeter, 2 Pässe)
Zwei große Pässe sind heute zu fahren: das Timmelsjoch, mit 2.509 Meter das „Dach der Tour“ und der Jaufenpass (2.094 Meter). Heute fahre ich noch langsamer, Kräfte sparen ist angesagt. Das Wetter ist trocken, aber wechselt häufig – wie es in den Alpen oft vorkommt. Wir starten bei Sonnenschein, aber auf den letzten Kilometern zum Timmelsjoch zieht sich der Himmel zu. Es ist nebelig und kalt, auf dem Pass ziehen wir Jacken, Arm- und Beinlinge an.
Nach der rasanten Abfahrt mit mehr als 60 Stundenkilometern geht es wieder hoch zum Jaufenpass – der Tacho zeigt zwischen acht und zwölf Stundenkilometern. Selten fährt man auf gerader Strecke mit mittlerer Geschwindigkeit, bei Anstiegen muss jeder sein Tempo und die richtige Trittfrequenz selber finden. Langsam kämpft man sich den Berg hinauf, dabei ist regelmäßiges Trinken und Essen sehr wichtig. Wasserflaschen, Riegel oder kohlenhydratreiches Gel sollte jeder Radfahrer in den Alpen dabei haben – bei der Jeantex TransAlp wurde man bei jeder Etappe an zwei Verpflegungsstellen versorgt.
Nach Brixen ist es dann zum Schluß meist flach. Ich treffe auf ein Mixed-Team, mit dem ich mich gemeinsam der Stadt nähere – doch kurz vor dem Ziel hat der Veranstalter noch eine kleine Gemeinheit eingebaut. Es geht hoch in die Weinberge und erst dann hinunter auf den Marktplatz des idyllischen Ortes.
Dienstag, 27. Juni: 3. Etappe von Brixen nach St.Vigil
(90,67 Kilometer, 3.180 Höhenmeter, 2 Pässe)
Eine kurze Etappe, aber viele Höhenmeter: Der Anstieg von Brixen zum Würzjoch (1.987 Meter) schlängelt sich durch bewaldetes Gebiet nicht sehr steil nach oben. Das Joch ist das Tor zu den Dolomiten mit tollen Aussichten auf die Felstürme der Geislerspitzen und des Peitlerkofel.
Später zum Furkelpass mit seinen Rampen bis zu 19 Prozent geht es höllisch steil nach oben – der richtige Zeitpunkt, um an einer Kehre zu halten, um die Umgebung zu fotografierenJ Der Lohn als der Pass auf 1.737 Meter erreicht ist, bis St.Vigil geht es nur noch bergab.
Mittwoch, 28. Juni: 4. (Königs-)Etappe von St.Vigil nach Wolkenstein
(120 Kilometer, 3.481 Höhenmeter, sechs Pässe)
Bei der Pasta-Party in St. Vigil konnte ich gestern Nudeln nicht mehr sehen: Ich entscheide mich für Würstchen mit Pommes, esse nur wenig Pasta – das soll sich rächen. Nachdem der Passo Valporola (2.168 Höhenmeter) und der Passo Giau (2.236 Meter) überwunden sind, spüre ich nach der zweiten Verpflegungsstelle, dass ich nicht genug gegessen habe. Ich lerne, was ein „Hungerast“ ist – nur noch mühsam quäle ich mich vorwärts, die Höhenmeter lassen die Beine schwer werden, beim letzten Anstieg zum Grödnerjoch keuche ich leise vor mich hin. Langsam erscheint es aussichtslos, heute das Zeitlimit von acht Stunden zu erreichen. Ein Riegel, den mir eine Radfahrerin schenkt, gibt ein paar neue Kräfte. Ich treffe auf einen Israeli, der auch mit den letzten Höhenmetern kämpft: „My friend – I don’t think we can make it“, sage ich resignierend zu ihm. „Never give up“, ruft er mir zu. Und gemeinsam quälen wir uns schnaufend die letzten Kilometer zur Passhöhe hinauf.
Und erstmals gebe ich dann hinunter nach Wolkenstein richtig Gas, immer auf der Suche nach der Idealline und der richtigen Schräglage in der Kurve. Dann ist das Ortsschild erreicht: Die Stoppuhr zeigt 7 Stunden und 55 Minuten, als ich über die Ziellinie fahre – geschafft. Dann erfahre ich, dass der Zielschluss um eine Stunde verlängert wurde, weil noch einige Fahrer auf der Strecke sind – es war eben doch die Königsetappe.
Donnerstag, 29. Juni: 5. Etappe von Wolkenstein nach Alleghe
(120 Kilometer, 3.169 Höhenmeter, 4 Pässe)
Es ist ein Tag, wie ihn sich kein Radfahrer wünscht: Beim Anstieg zum Sellajoch regnet es in Strömen. Und, anders als erhofft, scheint hinter dem Pass nicht die Sonne. Die Straßen sind nass und glitschig, die Abfahrt erfordert volle Konzentration und den dosierten Einsatz der Bremsen vor jeder Serpentine.
Nur wenige trockene Minuten auf dem Rad sind uns vergönnt. Dann öffnet der Himmel immer wieder seine Schleusen, die durchgeweichten Socken trocknen nicht. Es ist eine harte Etappe nicht nur mit Dauerregen – es kommt noch schlimmer. Als ich den „Passo Duran“ erreiche und es nur noch knapp 30 Kilometer bis ins Ziel nach Alleghe in Italien sind, grollt Donner hinter dunklen Wolken, Blitze zucken über den Himmel.
Regenwasser fließt wie in kleinen Bächen die bis zu 15prozentige Abfahrt hinunter. Die Seilzugbremsen auf den Felgen packen kaum noch. Nach der vierten Kurve halte ich wie viele andere Fahrer an und warte das Unwetter an einer Schutzhütte ab.
An diesem Tag zwingt das schlechte Wetter mehr als 100 Fahrer zur Aufgabe. Ich kann weiter fahren und komme durch, nachdem sich Blitz und Donner verzogen haben.
Freitag, 30. Juni: 6. Etappe von Alleghe nach Kaltern
(115 Kilometer, 2.917 Höhenmeter, 4 Pässe)
Der zweitletzte Tag: die Etappenfahrt neigt sich dem Ende zu und jetzt kann man es riskieren, etwas schneller zu fahren. Der Passo San Pellegrino war auch Teil des Giro d`Italia und es geht steil nach oben, auf dem Pass ist die erste Verpflegung, wo ich jetzt immer ausreichend esse. Nach der Regenschlacht von gestern scheint heute die Sonne – es ist warm und schön. Und besonders bei der Abfahrt nach Kaltern spürt man wie es langsam noch wärmer wird, während das Rad durch die Kurven in das Tal rollt. Doch vor dem Ziel in dem idyllischen Ort ist noch der Coyotenpass zu überwinden, nur 398 Meter hoch aber sehr steil. Er wird von den Südtirolern so genannt, weil man beim rauf fahren am liebsten heulen möchte.
Samstag, 1. Juli: 7. Etappe von Kaltern nach Riva del Garda
(121 Kilometer, 2.600 Höhenmeter, 3 Pässe)
Schlußetappe: Heute sind es nur noch 2.600 Höhenmeter, dann ist es geschafft. Der Anstieg zum Mendelpass zieht sich hin, ist aber weitgehend flach – oben eröffnen sich noch einmal tolle Aussichten auf das Tal. Zum Schluß wird noch mal Tempo gemacht, diesmal finde ich öfter Gruppen, mit denen es dem Ziel entgegen geht. Nach dem kleinen Passo del Ballino (796 Meter) geht es nach Riva – die letzte Abfahrt genieße ich. Im Ziel empfängt mich wieder laute Musik. Der Moderator, der meinen Namen auf der Startliste sieht, fragt über die Lautsprecher, ob es mir gut geht – und da kann ich natürlich nur „Ja“ sagen.






