Bericht von Dr. Jens Thomasser von seiner ersten Ironman-Teilnahme in Frankfurt
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24. Juli 2011 — Der härteste Tag meines Lebens
„Ich bin geheilt...das war der erste und letzte Ironman....“ sagte ich zu meiner Frau als ich sie nach dem Zieleinlauf in den Arm nahm. Das war am Ende eines langen Tages, ...eines langen harten Tages, um es genau zu nehmen.
Wie alles anfing
Morgens um 3:10 Uhr musste der Wecker nicht klingeln, ich war schon wach. Leise schlich ich mich aus dem Schlafzimmer ins Bad, Zweiteiler und Trainingsanzug an, um in der Küche mein vorbereitetes Frühstück „Brötchen mit Nutella“ und einen doppelten Espresso zu mir zu nehmen. 4:05 Uhr holte ich meinen Freund Oli ab, dann das erste Highlight des Tage, wir holten DEN Wiesbadener Profitriathleten ab, Uwe Widmann, er hatte mich tags zuvor gefragt, ob ich ihn mit nehmen könnte, da er keine Mitfahrmöglichkeit hatte. Sehr cool, da saßen wir beiden Rookies zusammen mit Uwe Widmann im Auto auf dem Weg zur Europameisterschaft Ironman in Frankfurt. Uwe kenne ich aus meinem Schwimmverein dem SCW Wiesbaden, er soll auch mein neuer Coach für die nächste Saison werden. Das zweite Highlight war eine Sternschnuppe am Himmel als wir auf der Autobahn waren...total fett und nicht zu übersehen, da war der Wunsch schnell formuliert, und er ging auch in Erfüllung...aber wie.
Kurz vor fünf erreichten wir durch einen Geheimweg ohne im Stau zu stehen den Langener Waldsee, es lag ein Knistern in der Luft, das man sofort spürte. Die Sonne ging langsam auf und es sah so aus, als sollte es ein schöner Tag werden...weit gefehlt, ich denke, da oben hat sich einer so richtig einen schönen Scherz erlaubt...die Sonne mal kurz zeigen, und dann.....dann öffne ich die Pforten ihr lieben Triathleten ...hohoho. Danke Petrus, nach 4 Teilnahmen an Triathlons, davon 3 mit Regen, weiß ich jetzt, Petrus ist kein Triathlet...oder es liegt an mir, kann auch sein. Wir wanderten also den Weg zur Wechselzone 1, gaben uns noch mal die Hände und wünschten uns viel Glück. Nachdem ich soweit alles am Rad gecheckt hatte, suchte ich natürlich die zahlreich vorhandenen Dixi Klos auf, danach zog ich mein Neo an und verpasste mir direkt beim Hochziehen des Neos am Arm einen knallharten Fausthieb....mit blutender Lippe, sagte ich mir, die Keilerei beim Schwimmstart habe ich damit schon erledigt, super Anfang!
Oli und ich trafen uns dann beim Schwimmstart, in dem Moment gab es den Startschuss für die Profis, 6:45 Uhr. Wir gingen ins 21°C warme Wasser, schwommen uns ein bisschen ein und wollten uns dann ganz rechst an der Boje im Wasser einreihen, das hatten aber auch 1000 andere Athleten vor, die anderen 1000 standen links am Ufer. Ich fühlte mich wie in der U-Bahn in Tokio, was mich sofort veranlasste die Flucht zu ergreifen. Ich schwamm auf die andere Seite der Boje, das gehörte aber eigentlich nicht mehr zur Startzone. Einige andere hielten sich da auch auf und die freundlichen Helfer in ihren Kanus forderten uns auf, wieder auf die andere Seite zu wechseln, aber ich hatte unheimlich viel Wasser in dem Moment in den Ohren, das ich nichts verstand....anderen ging es wohl auch so, da keiner Anstalten machte, den Bereich zu verlassen. Macht auch nichts, den schon erklang der Startschuss und eine Masse von 2100 Athleten versetzten den See in ein Whirlpool . Ich schwamm sofort weit nach rechts und konnte mich komplett aus der Schlägerei raushalten. Nun kamen erst mal lange 3,8 Kilometer auf mich zu.....orientieren muss man sich bei einem Massenstart eigentlich nicht, es gibt sowieso nur eine Richtung in die man schwimmen kann, rechts und links sind hunderte Gleichgesinnte. Ein paar mal stoß ich mit anderen Schwimmern zusammen, oft wurde mir auch an die Beine gegrapscht und einmal hat mir ein anderer Schwimmer fast den Zeitnahmechip vom Knöchel gerissen. Ich kam leider nicht so recht in meinen Rhythmus, und es war sehr „langatmig“. Nach 1:13 h kam ich dann endlich an, das schlimmste war der Ausstieg, eine bestimmt 13%ige Steigung aus Sand türmt sich dort auf. Angekommen im Wechselzelt, ging mir ein freundlicher Helfer zur Hand, er half mir sogar den Neo auszuziehen, wahrscheinlich sah ich nicht mehr ganz so frisch aus.
Die ersten Zweifel an meiner Radstrategie kamen mir beim verlassen der Wechselzone mit dem Rad auf, ich hatte meinen Zweiteiler, noch nass vom Schwimmen, an und Armlinge, sonst nichts. Alle anderen hatten mindestens eine Windweste an, die meisten aber hatten sich voll in Schale geschmissen, bei 13°C vielleicht nicht verkehrt. Einige fuhren sogar mit Regenponcho oder hatten sich das Radregencover übergezogen !!! Auch das keine schlechte Idee, da es auf der Landstraße nach Frankfurt anfing zu regnen. Die erste Runde war zwar nass, aber ich folgte meiner Taktik viel zu essen und einen Schnitt von 170 Watt zu fahren was dann am Ende der ersten Runde einen 33km/h Schnitt ergab, erst nach Friedberg fing dann die Blase an mächtig zu drücken.
Doch dann kam es ganz Dicke. Beim Durchfahren der Wechselzone zur zweiten Runde muß ich wohl irgendwo mit dem Hinterrad entlang geschrabbt sein, ein komisches schwammiges Fahrgefühl lies mich auf den Hinterreifen schauen....Scheibenkleister, da hat man ein Jahr lang im Training kein Platten und dann mit 500km eingefahrenen Grand Prix 4000 RS im Wettkampf einen Plattfuß, SUPER! Am Ende der Wechselzone blieb ich stehen und Wechselte den Schlauch. Minuten verrannen die ich mit zittrigen Händen am Hinterrad zerrte, eine Zuschauerin hielt mir das Rad, das habe ich am Anfang erst abgelehnt, wegen einer drohenden Disqualifikation , aber dann ging es einfach nicht anders. Als ich wieder auf dem Rad war, betete ich nur noch, das das nicht noch mal passiert, doch nach 5 Kilometern, wieder ein Plattfuß, ich war bei Bergen Enkheim. Wieder Wechsel und wieder mehrere Stoßgebete. Doch auch die halfen nichts. Vor Maintal war er dann wieder platt, ohne einen Ersatzschlauch, pumpte ich den Reifen einfach noch mal maximal auf, um im stehen über „The Hell“ das Kopfsteinpflaster in Maintal zu fahren, um zum technischen Support kurz hinter Maintal zu kommen. Nach Maintal rief ich einem Helfer zu, wo den der Support sei, der reagierte erst überhaupt nicht und ich formulierte schon ein „Schei&$kerl“, da fand meine Frage eine Gehirnzelle und er rief mir nach „immer weiter geradeaus“....ach was!?!
Noch mal 1 km und ich trudelte mit letzter Luft im Zelt des Mechanikers ein. Ein super netter und lustiger mid50ziger empfing mich mit den Worten „kann ich Dir helfen?“ Ein Segen. Er schaute sich das Drama an und sagte mir, das er den kompletten Reifen wechseln wird, da mein Mantel einen Riss in der Flanke hat. Ah-ha, da hätte ich ja noch oft wechseln können, mir war das in der Hektik nicht aufgefallen. Den ersten Reifen den er aufzog wollte partout nicht passen, also wiederholte er es noch mal mit einem neuen. Die Minuten verrannen und hunderte Fahrer sausten an mir vorbei. In dem Moment war mir das aber egal, ich hätte sowieso nicht weiterfahren können, hätte ich nicht das Glück gehabt, den Platten noch zum Support zu schleppen. Das ganze Geflicke hatte mich dann mehr als eine halbe Stunde gekostet. Wieder auf der Strecke konnte ich auch nicht mehr den Druck auf die Pedale bringen, es kam eine mentale Durststrecke und nur noch der Wille das Ding hier und heute zu finishen. Dann fing es wieder an zu regnen, ja, es hat nicht immer geregnet....doch als ich dachte jetzt kann es nicht mehr schlimmer kommen, fing es an zu hageln. In meinem Leibchen wurde es mir trotzdem nicht kalt, liegt wohl immer noch an den vorhandenen Fettzellen unter der Haut. In der Schleife in Bad Nauheim sah ich dann das erste bekannte Gesicht...meinen Zahntechniker, der dort wohnt, ich wurde namentlich auf der HR3 Bühne beim vorbeifahren vom Sprecher erwähnt, dank meines Technikers. Nach Friedberg und Ende des Hagels, meldete sich auch wieder die Blase, es waren noch 60 Kilometer zu fahren, und wieder einmal, kam es nach Regen, Hagel und voller Blase schlimmer....der in der ersten Runde kommende Seitenwind wechselte die Richtung und kam von vorne. War meine Geschwindigkeit an dem Teil in der ersten Runde 38,5 km/h, waren es jetzt nur noch 24,5 km/h. 60 Kilometer Gegenwind lies mich ein weiteres Mal zweifeln, ob ich das noch schaffen konnte. Irgendwie habe ich es dann doch noch über den Vilbeler Berg geschafft und kam dann mit Freude in der zweiten Wechselzone an, um endlich in die Schuhe zu wechseln, juchhe...trotz 3 Pannen, Regen, Hagel, Gegenwind und Blase hatte ich die 180 km geschafft, die Zeit verrate ich nicht, sonst droht mir noch ein Vereins Ausschlussverfahren...
Auch in der zweiten Wechselzone fand ich eine nette Dame vom „Staff“. Da muss ich wohl auch eher hilfesuchend ausgesehen haben, die war so nett und hat mir so geholfen, wenn es nur so Menschen gäbe auf der Welt, dann „Weltfrieden“....jedenfalls konnte ich in Ruhe wechseln, neue Strümpfe anziehen und entspannt danach das Dixie Klo aufsuchen. Wer sich nun fragt wie ich es denn auf der Radstrecke gemacht habe....sei bemerkt, es wurde mir mindestens 10mal warm, aber nicht ums Herz ;)
Die erste Runde Laufen war erst mal ein Befreiungsschlag, die Schuhe konnten nicht kaput gehen, und meinen Motor ließ ich mit Cola, Bananen und Energiegel schön am laufen. Beim Wechsel auf die andere Mainseite kam mir dann Ole entgegen und lief ein Stück mit mir, mentaler Zuspruch und der eindringliche Rat mich gut zu ernähren half mir die weiteren Kilometer bis ich Marcel meinen guten alten Freund mit seiner Freundin sah....Jubel, Glückwünsche, Zuspruch....danke dafür, es sollten aber noch 3 Runden folgen. Erst in der zweiten Runde sah ich dann meine Frau, Kinder und meine Schwester. Zuvor hatte ich auch meinen Freund Oli beim Entgegenkommen mit schon einem Bändchen gesehen. Als ich dann aber das erste Mal meine Frau sah, rief sie mir zu, das Oli in der zweiten Runde aufgegeben hatte.....das schlug natürlich voll ein, ich war am Boden zerstört. Ich hatte eigentlich gewettet, das er die 10 Stunden bei seinem Debüt knackt, und dann ein DNF? Bei mir stellte sich dann die einstellung ein "jetzt erst recht, dann finish ich das Teil halt für uns beide, komme was da wolle".
Ab der mir stellte sich mir stellte sich dann die Einstellung ein „jetzt erst recht, dann finish ich das Teil halt für uns beide, komme was da wolle“.
Ab der zweiten Runde wurde ich immer langsamer, hielt aber nie an, sondern lief und lief und lief. Der Organisator hatte auf meiner Startnummer meinen Doktortitel aus welchen Gründen auch immer vor den Vornamen geklemmt. In den ersten beiden Runden war mir das total peinlich, weil jeder sich tot lachte...“schau mal Dr.Jens“ *lach* Doch in der dritten und vierten Runde war ich bekannt wie ein bunter Hund, und der Wiedererkennungswert motivierte mich, alle sahen mich, munterten mich auf, jubelten mir zu „auf Doktor Jens“ „Los Doktor Jens, weiter“ Das war dann wirklich lustig. In der vierten Runde habe ich dann jedes Mal eine Laola aktiviert, wenn ich an mehr als 10 Leuten auf einem Fleck vorbeikam, die mir zujubelten. Ein weiterer Freund gesellte sich an die Strecke und Daggi aus unserem Verein feuerte mich an, danke auch dafür.
In der dritten Runde öffnete Petrus dann wirklich alle Schleusen, es schüttete, sogenannter Starkregen wie es die Meteorologen bezeichnen. Aber irgendwann ist einem alles egal. Meine Verpflegung war immer eine Banane, Wasser, Cola und alle zwei Verpflegungsstellen ein Gel. Energiegel von Powerbar....es gibt nichts widerwertigeres wie dieses scheußliche Süßbapsch....ekelhaft. Das Isogetränk von der Firma hatte ich schon früh im Training von meinem Ernährungsplan genommen, da es erheblich zu Blubberblasen in meinem Bauch führte. Aber Tonnen von Gel konnte ich nicht mitschleppen beim Laufen, also musste ich wohl oder übel da zugreifen. Schei&% Zeug!!!
Letzte Runde, letztes Bändchen...noch 3,5 Kilometer bis zum Ziel. Ein letztes Mal über die Flößerbrücke, ein letztes mal die abschüssige 180°-Kurve, ein letztes Mal an der Wechselzone vorbei auf den roten Teppich....plötzlich waren alle Schmerzen, jeder Zweifel weg, eine unglaubliche Atmosphäre bot sich mir, am Rand stand meine Familie und meine Freunde, ein Kumpel hob meine älteste Tochter über die Balustrade und ich lief die letzten 100 Meter mit ihr an der Hand ins Ziel. Man kann dieses Gefühl und die Stimmung die bei solch einer Veranstaltung herrscht leider nicht beschreiben, man muß es selbst erleben.
Fazit:
Ob es die Mühe, das Training, die Schmerzen wert sind....in dem Moment ein klares Ja!
Aber ein Ironman ist und bleibt eine absolute Tortur, eine Mitteldistanz oder ein Marathon ist wirklich ein Kindergeburtstag dagegen. So viele erzählten mir vorher, das man den Ironman 70.3 nicht mit der Langdistanz Ironman vergleichen kann, auch die Zeiten kann man nicht eins zu eins übertragen, diese Leute haben recht. Die beste Taktik, die ausgeklügelste Strategie hält solange bis zum ersten Feindkontakt und das ist volle Blase, Platten, Gegenwind, Starkregen und andere Wetterkapriolen und einfach die 226 Kilometer mit drei Disziplinen. Auf 90 km kann man alles noch verkraften, auf 180 km kann nur eine Sache das Aus bedeuten, einen Halbmarathon kann man noch irgendwie durchquetschen, einen Marathon nach 183,8 km nicht!
Für mich steht momentan immer noch fest, das es die erste und letzte Langdistanz war, aber man soll niemals nie sagen. Mein Respekt ist noch stärker gestiegen vor Leuten die einen Ironman in unter 11 Stunden schaffen....es kann soviel schief gehen bei so einer langen Distanz, das Training alleine macht noch keinen Ironman. Meine Zeitvorstellung von 11 Stunden war etwas zu hoch gegriffen, zwar hätte ich ohne die 3 Platten mindestens eine halbe Stunde auf dem Rad gewonnen, aber darüber nachzudenken ist Blödsinn, es kam wie es kam... und einen 4 Stunden Marathon wollten meine Beine einfach nicht mehr hergeben....also wurden es insgesamt 12:19,41 Stunden. Wenn man das einem erzählt das man mehr als 12 Stunden Sport gemacht hat, bekommt man nur ein ungläubiges Kopfschütteln, zurecht.
Triathlon in dieser Dimension ist kein Hobby mehr, man ordnet dem Ziel, dem Finishen alles unter, Familie, Arbeit, Freunde....das sollte jeder wissen, der einen Ironman machen will. Doch der Stolz danach ist doch sehr groß. Auf einem Schild an der Laufstrecke, das ich vier mal sehen und lesen durfte, stand „....Schmerzen vergehen, Ruhm bleibt....“ Aber den Namen der Veranstaltung würde ich ändern, es ist kein Ironman, sondern ein Ironwill.....nur mit einem eisernen Willen konnte ich diesen härtesten aller Tage überleben.
Mein Ironman in Zahlen:
Ich habe von September 2010 an 507 Stunden und 57 Minuten in 436 Einheiten trainiert.
271 km geschwommen,
4464 km Rad gefahren,
1493 km gelaufen,
in der verbleibenden Zeit über 2000 Patienten behandelt,
2 Kinder versorgt und die ganze Zeit hat mich meine verständnisvoll Frau ausgehalten,
26 lange Läufe über 2 Stunden und 17 überlange Radausfahrten zwischen 5 und 7 Stunden gemacht,
ich habe mir ein Triathlonrad zugelegt,
6 Paar Laufschuhe gekauft und zwei Badehosen verschlissen.
Mein Dank gilt all den netten Helfern auf der Strecke, dem Mechaniker, der mir den Reifen wechselte, meinen lieben Freunden, die mich an der Strecke anfeuerten, meiner Schwester die im Regen ausharrte, um mich zu sehen und natürlich meiner Frau und meinen beiden Töchtern....„Papa trainiert wieder“....die mich ausgehalten haben, zu mir standen und ohne die ich es niemals hätte schaffen können....danke



